Fidel und das perfekte Fell

Fidel ist ausgesprochen vielseitig. Das ist an und für sich ja etwas Positives, fast schon beneidenswert. Und prinzipiell würde ich ihn ja auch gerne bei der Auslebung seiner Interessen unterstützen, würden nicht viele seiner Interessen einen direkten, negativen Einfluss auf mein Leben haben. Seine Nuss-Sammel-Obsession zum Beispiel. Oder seine Jagdleidenschaft. Total toll, dass er stundenlang Mäuse, Eichhörnchen, Schmetterlinge, Heuschrecken oder Fliegen jagen kann, würde ich dadurch nicht permanent zu spät kommen, weil meine Zeitpläne sich eher selten mit seinen Jagdplänen decken (und man muss einfach Prioritäten setzen: pünktlich in der Arbeit erscheinen und einen Kohlweißling eine Stunde über die Wiese zu hetzen stehen natürlich in keinerlei Relation).

Aber all diese Aktivitäten und ihre Konsequenzen werden von einer seiner absoluten Lieblingsbeschäftigungen in den Schatten gestellt: Dem Bestreben nach dem perfekten Fell!

Fidels Leidenschaft

Ja das mag harmlos klingen. Was soll an einem perfekten Fell auszusetzen sein? Natürlich nichts, außer Fidels Definition von „Perfektion“. Denn Wälzen alleine ist für gewissenhafte Hunde, wie Fidel, natürlich nicht genug. Ausschlaggebend für die optimale Fellbearbeitung ist das Medium, in das sich hineingeworfen wird. Da ist er wieder, ganz seiner Natur folgend flexibel, vom toten Regenwurm über Pferdeäpfel bis zu Babywindeln ist alles erstrebenswert. Er folgt da dem klassischen Käse-Motto: Je stinkiger desto besser. Dieses Hobby hat sowohl mich, als auch meinen Magen diverseste Male an unsere Grenzen gebracht. Und Fidel zur Verzweiflung. Aus einem für ihn nicht ersichtlichen Grund wird er nämlich jedes Mal, wenn er seinem Ziel nach dem perfekten Fell ein Stückchen näher kommt, wieder komplett zurückgeworfen. Er muss duschen und Duschen findet er doof.

Ich habe mich wirklich bemüht herauszufinden, was der biologische Sinn hinter der ganzen Stinke-Wälz-Aktion ist. Und das Internet ist voll von Theorien dazu, aber irgendwie waren die nicht vollends einleuchtend. Ich bin nur froh, dass Frau Pferd nicht so ekelhafte Neigungen hat.

Vaka in der Wiese_Foto by Islandpferde Wittmann

Die wälzt sich zwar auch gerne aber zumindest nicht in toten Regenwürmern oder Babywindeln. Na gut, ihr Bestreben ist zugegebenermaßen das gefühlt dreckigste Pferd der Welt zu werden. Aber als Frau versteh ich auch, dass man manchmal einfach Lust auf eine andere Haarfarbe hat. Immer nur schwarz ist öd, da kann so ein Matschebraun schon eine nette Abwechslung sein. Ich gönn ihr das.

Aber abgesehen von meiner absolut logischen Theorie, bezüglich Veränderung der Haarfarbe, gibt es tatsächlich noch weitere, wissenschaftlich mehr fundierte Gründe, warum sich Pferde wälzen. Und die scheinen allesamt einleuchtender als die Gründe, wieso Fidel nach totem Regenwurm riechen will.

  • Wälzen befreit das Pferd von Haaren, Krusten, Schuppen und Parasiten. – Wer sich nicht selbst bürsten kann muss das eben die Erde erledigen lassen (da kommt irgendwie Neid auf, würde mich auch viel lieber wild am Boden rollen, statt täglich mit Bürste und Kamm bewaffnet die Mähne bändigen zu müssen).
Háfur in der Wiese_Foto by Islandpferde Wittmann
  • Wälzen markiert den Boden mit der eigenen Duftmarke – My Boden is my castle quasi.
  • Wälzen trocknet und kann einen Insektenschutz schaffen – Jeder Reiter kennt das: Das Pferd wird stundenlang schamponiert, massiert und geduscht bis auch der letzte Staub aus dem nun glänzenden Fell herausgewaschen ist und dann, wenn man zufrieden, das strahlend saubere Tiere wieder auf die Koppel entlässt, ist das Erste was es macht, sich hinzuwerfen und penibel jede Stelle sauberes Fell einzudrecken. Für den Reiter frustrierend, für das Pferd nur logisch. Erstens ist man ja nass und das muss geändert werden und zweitens eignet sich das frisch-schamponierte Fell ausgezeichnet, um einen Dreckpanzer anzulegen, um sich so vor lästigem Flieggezeugs zu schützen. Sollte Pferd mal nicht nass sein, tut`s optional auch eine Schlammpfütze um das körpereigene Moskitonetz zu bauen.
  • Wälzen massiert Haut und Muskeln – aka Wellness in der Horizontalen
  • Wälzen ist eine Reaktion auf Koliken – Wenn das Scharren beim Hinlegen oder das Abschütteln beim Aufstehen fehlt, dann deutet diese Art von Wälzen darauf hin, dass das Pferd mit dem Wälzen versucht, einen Bauschmerz zu lindern. Herrschte früher die Meinung vor, Pferde im Fall einer Kolik am Wälzen zu hindern, so weiß man durch Studien heute, dass Wälzen leichte Koliken sogar lösen kann. (Was aber nicht heißt, dass man schamanenmäßig bei Koliken auf die Selbstheilung des Pferdes vertrauen sollte und im Zweifelsfall auf jeden Fall immer ein Tierarzt kontaktiert werden muss).

 

Foto by Katharina Christoph

Durch diese Analyse sehe ich mich wieder mal darin bestätigt, dass das Pferd im Gegensatz zu Fidel wesentlich vernünftiger ist. Gott sei Dank! Mit einem nach toten Regenwurm riechenden Fidel komm ich klar, aber das Pferd im Winter in meine Dusche zu bekommen, stelle ich mir ein bisschen schwierig vor.

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