Das Pferd, das ich nicht kannte

Vor einiger Zeit hab ich euch von Ívar erzählt. Von seiner Maria, die nach Island geflogen ist, um IHN auszusuchen. Ich kann vermelden, dass es dem großen schönen Pferd wunderbar geht. Mit ihm ist aber damals noch jemand nach Wien gekommen. Eine entzückende Stute mit einem sehr kurzen Namen. Á. (ausgesprochen wird das dann Au). Das besondere an diesem Tier: die 15-jährige Besitzerin-to-be hatte sie noch nie zuvor gesehen. Es war zwar keine Überraschung, dass ein Pferd für sie “mitgeliefert” würde, aber … man kann sich die Aufregung eines 15-jährigen Mädchens vorstellen, das nicht weiß, wie ihr (zweites) Pferd genau aussehen wird. Da wird der LKW, der das Pferd liefert, quasi zum Überraschungsei.

Ich hab die Aufregung mitbekommen und Steffi, die verständlicherweise ebenso ein bisschen aufgeregte Mama von Laura gebeten, mir ihre Geschichte aufzuschreiben. Jetzt, wo sich alle Aufregung beruhigt und Á und Laura schon Freundinnen geworden sind.

Steffi: “Die Überlegung ein zweites Pferd zu kaufen war schon länger in meinem Kopf. Seit wann? Ich kann es nicht genau festmachen, aber der Gedanke poppte immer wieder auf, wenn ich meine Tochter Laura auf anderen Pferden, als ihrem eigenen Nykur sah – wie viel Spaß ihr neue Herausforderungen machten, und wie gut sie diese meisterte.

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Laura und ihr Nykur

Nur, wie leistet man sich ein zweites Pferd? Für mich war ganz klar, dass ich Nykur nicht verkaufen möchte. Wohl eher aus sehr vermenschlichten Gründen, aber trotzdem. Er hat es nicht verdient, weggegeben zu werden, nur weil er nicht so viel Talent hat, wie andere Pferde. Er hat immer brav mitgearbeitet, hat für und unter Laura alles gegeben und ist zu einem soliden C-Pony geworden – was, als wir ihn kauften, nicht immer ganz klar war. Da tauchten bei der Trainerin doch manchmal Zweifel auf – ob da überhaupt Tölt kommen wird? – war eine der großen Fragen. Tölt kam, und auch die anderen Gangarten gingen nicht verloren. Allerdings sein ruhiges und fast phlegmatisches Gemüt, das ging.
Und hier stand ich dann vor dem zweiten Problem: würde ich mich trauen, Nykur wieder zu reiten? Und außerdem müsste ich mich dann von meiner lieben Mitreitstute Snörp trennen, die mich bisher sicher und gelassen durch die Landschaft getragen hat.

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Steffi und ihre Mitreitstute Snörp

Die Lösung des ersten Problems kam in Form von zwei lieben Mädels daher, die ein Mitreitpferd suchten. Das schien eine perfekte Lösung, um den Kauf eines Zweitpferdes realistischer zu machen. Die Liebe von Anna und Emma zu Nykur ist aber eine andere Geschichte.

Dann ging alles sehr schnell. Kurz nach dem Gespräch mit der Trainerin mit der Bitte für Laura ein passendes Pferd zu suchen, flog diese für einen Pferdekauf mit jemand anderem nach Island. Nur wenige Tage nach ihrem Abflug bekam ich abends ein paar Nachrichten aus Island. Fotos von zwei Stuten mit der Frage „Grau oder Blond?“ Laura schlief schon, und ich wollte ihr eine schlaflose Nacht ersparen, und sie erst in der Früh mit den Fotos wecken. Nun, die schlaflose Nacht habe ich verbracht. Und das war nur der Beginn des mehrtägigen Gefühls- und Gedankenchaos in mir. Kauft man ein Pferd, ohne es gesehen zu haben, ohne es probegeritten zu sein? Kauft man wirklich ein Pferd aus Island? Wie ist das mit dem Umweltfaktor ein Pferd quer durch Europa zu fliegen? Wie ist das für das Tier? Ist das artgerecht? Und nicht zuletzt: will ich wirklich so viel Geld ausgeben?

Und noch mal die Rechnerei. Kaufpreis, Zoll, Steuer, Transport, Vetcheck, monatliche Fixkosten, Training. Viele liebe Leute im Stall, sowie meine Familie, haben mir geduldig dabei geholfen den Knoten in meinem Hirn zu entwirren, indem sie mir ihre Meinung zu der Stute mitgeteilt haben (allesamt begeistert), Rechnungen vom Kauf des eigenen Pferdes ausgegraben, und mir geschickt haben, mit mir über den „blinden“ Kauf eines Pferdes und über den Umweltfaktor, und sonstige Fragezeichen diskutiert haben. Und Laura? Die hat sich sofort in die junge Stute am Foto verliebt, und dann, auch wenn sie innerlich fast geplatzt ist vor Aufregung, trotzdem geduldig auf meine Entscheidung gewartet. Zumindest äußerlich geduldig.

Ja, und irgendwann war die Rechnerei beendet, die Zweifel ganz in meinen Hinterkopf gewandert, und die Entscheidung war getroffen. Gefühlte fünf Minuten nach telefonischer Zusage zum Kauf, kam bereits die erste E-mail: „Hello, I am exporting your mare Á from Austurkoti tomorrow, I have already contacted XY and he said he will transport her to AT, here is the invoice for exporting her I kindly ask you to transfer these … Euros tomorrow in my account, have a nice day and good luck with your new horse.”

Bumm – da war es dann Wirklichkeit.

Und jetzt ist sie da. Und wir haben den Kauf bisher keine Sekunde bereut. Sie ist ein süßes mausfalbenes Mädchen, 5 Jahre jung, im Umgang sehr ruhig und brav, unter dem Sattel extrem talentiert mit viel Feuer und natürlich noch aufgeregt und unsicher ob des plötzlichen Ortswechsels. Laura schwebt auf Wolke 7.

Steffi und Á

Steffi und Á

Und ich? Ich genieße die letzten Ausritte mit Snörp, habe erste Reitstunden auf Nykur absolviert und freue mich darauf in (ferner?) Zukunft mit ihm über die Weiten des Marchfelds zu galoppieren. Aber das ist wirklich eine andere Geschichte … ”

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miia: Und ich? Ich wünsche euch, Laura und Steffi, Á und Nykur, das Allerallerbeste und freue mich mit euch. Ich weiß, welch riesengroßen Aufwand man in finanzieller und zeitlicher Hinsicht mit so einer Entscheidung auf sich nimmt. Aber bereut hab ich es auch noch nie … 🙂 !

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