Der Reiter und die Angst

Warum kann man denn einem Pferd seine Angst eigentlich nicht verheimlichen? Wär doch schön, wenn das ginge … dann wär`s ja kein Problem, wenn plötzlich ein riesengroßer Mähdrescher auf einem engen Feldweg auftaucht – ich spiel meinem Pferd einfach vor, dass mir das jetzt wirklich ganz und gar nichts ausmacht. Schnurzegal. Tja … bad news. Das funktioniert nicht. Warum nicht? Und was kann man tun, wenn Angst einen überkommt? Dazu hab ich Sportpsychologin Catherine Gratzl befragt. Sie begleitet nämlich viele Menschen mit ihren Pferden, sie kennt das Phänomen Angst beim Reiten und ein paar Tipps und Tricks für den Alltag.

miia: Was passiert eigentlich im Körper eines Reiters, wenn Angst auftaucht und kann man seinem Pferd Angst verheimlichen?

Catherine: Nun man kann zusammenfassend auf jeden Fall sagen, dass mit Sicherheit etwas im Reiterkörper passiert, dass sich auch immer etwas verändert, wenn Angst hoch kommt.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden zum Beispiel eine Veränderung der Atmung, des Pulses oder der Körperspannung eintreten. Wie sich Angst aber genau äußert und vom Reiter selber wahrgenommen wird, ist meiner Erfahrung nach sehr individuell. Übelkeit, Zittern, Mundtrockenheit, Druck im Kopf, das Gefühl neben sich zu stehen, Spannung in den Schultern, Magenweh, Starre, Tunnelblick, Herzrasen, Schwitzen oder Schwindel sind nur einige wenige Symptome, die beim Reiten oder auch davor auftreten können.

Manche meiner Klienten berichten darüber hinaus über Durchfall, Erbrechen, Appetit- und/oder Schlaflosigkeit, Verspannungen oder Kopfschmerzen Stunden und Tage vor einem geplanten Ritt.
Manchmal gelingt es noch vor Menschen – die zugegebenermaßen keine guten Beobachter sind – Angst zu verheimlichen.

Bei Pferden ist es allerdings unmöglich. Pferde sind exzellente Beobachter und nehmen in ihrer Umwelt, bei anderen Pferden und Tieren und auch beim Menschen kleinste Veränderungen wahr. Als Fluchttiere sind sie schließlich darauf angewiesen, mögliche Gefahren im Ansatz zu erkennen. Individuell ist hier nur, wie Pferde auf die Angst des Menschen reagieren. Das hängt wiederum von ihrer Persönlichkeit und ihrer Sensibilität ab. Das eine Pferd übernimmt sofort die Spannung und den Stress und will flüchten, ein anderes Pferd nutzt vielleicht die Situation aus um sich so vor der Arbeit zu drücken und manche Pferde registrieren zwar die Angst des Menschen, blenden diese aber weitgehend aus. Sprich: Verheimlichen kann man keinem Pferd gegenüber seine Angst, nur nicht jedes Pferd regiert auf Angst in der gleichen Weise.

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Ein langer Weg …

miia: Soll man überhaupt auf ein Pferd aufsteigen, wenn man richtige Angst hat?

Catherine: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Zuerst sollte man sich ehrlich die Frage stellen, ob man wirklich reiten will und wenn ja warum. Sollte man sich an dieser Stelle nicht sicher sein, oder zum Beispiel nur deshalb reiten, weil sich das jemand anderer in der Familie wünscht, dann ist es berechtigt darüber nachzudenken, ob man vorerst nicht auch vom Boden aus viel Freude und Spaß mit einem Pferd erleben kann.

Möchte man aber unbedingt in den Sattel und ist man auch bereit dafür Einsatz zu bringen, dann gilt es überlegt vorzugehen. Man sollte zuerst die Situation analysieren.

Oft habe ich zum Beispiel Klienten, die sich als Reitanfänger aus Unwissenheit ein für sie völlig unpassendes Pferd gekauft haben, dieses dann vielleicht noch in einem Betrieb untergebracht haben, der den Bedürfnissen des Pferdes nicht gerecht wird, wodurch das ohnehin schon zu komplexe Pferd vielleicht durch Boxenhaltung auch noch unausgelastet und übertrieben schreckhaft wird und nur noch unter Strom steht.

Wenn aus so einer Situation dann Unfälle passieren und Angst entsteht, ist das nicht verwunderlich, sondern absolut nachvollziehbar! Diese Situation lässt sich durch Sportpsychologie alleine auch nicht lösen. Zusätzlich muss das Pferd vernünftig gehalten und kompetent trainiert werden und der Reitanfänger braucht entsprechendes Fachwissen.

Sprich: am Anfang steht immer die Analyse der Situation, in die man das ganze System mit einbeziehen muss. Dann braucht man das richtige Setting und professionelle Begleitung um in klug gewählten Teilschritten zu lernen mit der Angst umzugehen und diese abzubauen.

Gerade die professionelle ganzheitliche Betreuung ist meiner Meinung nach der entscheidende Punkt. Diese kann von Trainern geleistet und von Sportpsychologen unterstützt werden.

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Klare und ruhige Gedanken …

miia: Was gibt es für kleine “everyday-Strategien”, wenn man merkt, dass man Angst bekommt?

Catherine: Meiner Erfahrung nach ist das Hauptproblem, dass der Reiter in dem Moment in dem die Angst kommt, nicht mehr im Hier und Jetzt ist. Entweder denkt er in die Vergangenheit „das letzte Mal als mein Pferd so schaute, bockte es dann los …“ oder in die Zukunft „wenn ich jetzt noch mal runter falle …“ Wenn man aber auf einem Pferd sitzt, das eben zum Beispiel gerade Spannung aufbaut, das den Rücken weg drückt und den Kopf hoch reißt und man merkt, dass man deshalb Angst bekommt, dann nutzt weder der Gedanke nach hinten noch der nach vorne um die Situation zu lösen.

Nur JETZT und HIER kann man konkrete Maßnahmen setzen, um die Situation zu entschärfen. Daher ist meine absolute Lieblingsstrategie, dass ich den Reiter anweise, sich selber laut zu sagen, was JETZT zu tun ist. „Ich atme weiter“, „ich gebe den inneren Zügel nach“, „ich wende auf eine Volte“, „ich reite vorwärts“ usw. Indem der Reiter sich selber instruiert, konzentriert er sich auf seine Handlung im Jetzt, er wird aktiv, behält Kontrolle und sagt sich selber eine mögliche Lösung vor, anstatt abzuwarten was passiert und seinen Gedanken Zeit zu geben sich zu verselbstständigen und sich mit Vergangenheit und/oder Zukunft zu beschäftigen.

Außerdem zwingt die laut gesprochene Selbstinstruktion den Reiter zum Atmen. Und so banal es klingt, aber bewusstes, tiefes Atmen ist eine der effektivsten Maßnahmen um seinen eigenen und den Körper des Pferdes schnell zu entspannen und damit eine einfache und großartige Strategie!

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Atmen in der Natur …

miia: Ab wann sollte man sich professionelle Unterstützung suchen? 

Catherine: Angst an sich ist wichtig für den Menschen, ohne Angst hätte die Menschheit nicht überlebt. Angst ist oft nicht rational zu erklären und auf keinen Fall etwas, wofür man sich schämen sollte. Nur wenn die Angst ein solches Maß annimmt, dass der Mensch darunter leidet, ist es Zeit etwas zu verändern.

Professionelle Unterstützung braucht man, wenn man bei der oben genannten systemischen Analyse merkt, dass man alleine nicht weiter kommt. Dass man eventuell schon nicht in der Lage ist, die Situation als Ganzes zu erfassen und/oder Lösungsansätze zu entwickeln, oder diese alleine nicht umsetzen kann.

Außerdem ist professionelle Unterstützung erforderlich, wenn die Angst am Pferd in Wahrheit nicht primär mit dem Reiten zu tun hat. Um nur ein Beispiel zu nennen: ich erlebe oft, dass Klienten die weder im Job noch im Privatleben jemals zur Ruhe kommen können, plötzlich beim Reiten Angst und Panik bekommen, obwohl sie ja eigentlich zur Entspannung reiten wollen. Diese Klienten sind permanent unter Strom und Stress, das meldet ihnen dann ihr Pferd zurück, das stresst sie umso mehr, das Pferd rennt los und Angst entsteht. Hier steckt die Lösung dann meist darin, dass man das dahinter liegende Problem in Angriff nimmt. In diesem Beispiel also dafür sorgt, dass der Reiter im Alltag besser abschalten kann und auch bevor er aufs Pferd steigt, bewusst den Alltag „abschließt“.

Dieses Beispiel ist noch sehr offensichtlich und auf den ersten Blick nachvollziehbar. Oft ist es aber auch so, dass die Lösung nicht gleich so klar auf der Hand liegt und man auch als Experte mehrere Einheiten braucht um mit den Klienten den wahren Grund seiner Angst heraus zu finden und aufzuarbeiten.

Ruhe und Entspannung

Ruhe und Entspannung

miia: Liebe Catherine, ganz, ganz herzlichen Dank für deine ausführlichen Antworten. Angst ist demnach also ein Gefühl, das man, in gewissen Maßen mit kleinen Strategien in den Griff bekommen kann. Und etwas völlig Normales. In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein wunderbares Herbstwochenende. Denn unsere eigene Entspannung kommt wohl auch unseren Tieren zugute 🙂 !  

ps.: Die Fotos hab ich übrigens bei meiner Tour durch Österreichs Nationalparks gemacht. Für mich der beste Ort zum Entspannen … gleich nach einem Ort voller Islandpferde natürlich 🙂 !

 

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