Richterin Ulrike

Hannah, von der ich euch gestern erzählt habe, war nicht allein. Sie musste nicht allein das große Abenteuer der Richterprüfung bestehen. Sie war nicht allein mit ihrer Aufregung. Nicht allein bei ihrer Vorbereitung – nein, es gab noch eine Person, die viele kennen und die sich seit kurzem auch als Richterin im Islandpferdesport bezeichnen darf: Ulrike Fertsak. Und weil ich schrecklich neugierig bin, hab ich auch sie gebeten, mir von ihrem Abenteuer zu erzählen. Von ihrem Verständnis der Richterinnen-Tätigkeit und ihrem Vorbild. Und sie hat mir auch verraten, ob Turnierreiter sich vor Richterin Fertsak in Zukunft fürchten werden müssen. Ihre Antworten fand ich hochinteressant. Aber lest am besten selbst 🙂 !

miia: Warum wolltest du Richterin werden?

Ulrike: Haha – ja diese Frage hab ich mir in letzter Zeit öfter gestellt. Ich glaube der Initialmoment war auf der WM 2013 in Berlin, als ich auf der Tribüne saß und so einige (End-)Noten mancher Richter oder auch des ganzen Teams nicht ganz nachvollziehen konnte. Mit Valdimar Auðunsson diskutierte ich dann, dass ein „von außen“ gesehener Ritt oft von der Bahnmitte anders aussieht bzw. dort natürlich jeder Schritt genau beobachtet wird – was man als Zuseher ehrlicherweise nie so konzentriert über einen ganzen Bewerb macht. Er hat mich dann noch herausgefordert, doch mal selber „mitzurichten“ und zu sehen was passiert. Naja, gesagt getan – damals bin ich (und einige Freundinnen 🙂 ) dann während der nächsten Bewerbe mit Zettel und Bleistift gesessen und habe für jeden Aufgabenteil Noten gegeben. Und siehe da, die Noten der Richter wurden sehr viel nachvollziehbarer und ich bemerkte, dass ich ganz gut im Mitrichten war – außerdem fand ich dann Diskussionen über den Ritt umso spannender, da quasi „Fakten basierter“. Tja und seit ich mich als Reiterin selbst A-qualifiziert habe und in dieser Klasse reite, habe ich mich immer mehr mit dem Richten beschäftigt und diese Sichtweise hat mich mehr und mehr fasziniert, bis ich schlussendlich beschlossen habe, selbst Richterin zu werden.

Hannah und Ulrike - Österreichs neue Richterinnen

Hannah und Ulrike – Österreichs neue Richterinnen

miia: Was macht, deiner Meinung nach, eine gute Richterin aus?

Ulrike: Zuallererst braucht es meiner Meinung nach viel reiterliche Erfahrung im Islandpferdesport selbst. Man sollte möglichst viel selbst Turnier geritten sein – am Besten in den unterschiedlichsten Bewerben/Disziplinen und das eigentlich bis in die höchste Klasse. Das garantiert dann auch, dass man sich intensiv mit dem Training der Pferde für den Turniersport auseinander gesetzt hat. Denn das ist meiner Meinung nach ebenso wichtig: dass eine Richterin sieht, wie die Reiterin auf das Pferd einwirkt und wie das Pferd diese „Anfrage“ beantwortet – und obwohl das Prinzip natürlich dasselbe ist, ist es durchaus ein Unterschied, ob es ein Pferd mit einer Gangqualität für die C- oder für die A-Klasse ist! Ich glaube auch, dass man erst weiß, was die Anforderungen in der höchsten Klasse bedeuten, wenn man dies selbst geritten ist! Natürlich muss eine Richterin weiters den Bewegungsablauf des Pferdes selber analysieren können – denn das macht schließlich einen großen Teil der Notenfindung aus. Die Richterin muss sich auch ihre Neugier am Sport und den Pferden und das Interesse an Fort- bzw. Weiterbildung bewahren um z.B. mit den neuesten Richtlinien „up-to-date“ zu bleiben und diese – in den stressigen Momenten – wirklich auswendig zu können. Und schlussendlich muss die Richterin bereit sein, den aktuellen Ritt des Pferd/Reiterinnenteams zu bewerten – ungeachtet der Qualität früherer Vorstellungen, der Bekanntheit von Pferd oder Reiterin oder auch der „Konfrontationsbereitschaft“ mancher Reiter.

Ulrike lernt im Flugzeug

Ulrike lernt im Flugzeug

miia: Was ist das Schwierigste beim Richten?

Ulrike: Hmm … die Zeit bzw. Anzahl der Pferde und eine ungleichmäßige Performance. Also wenn viele Pferde in der Bahn sind (z.B. bei Endausscheidungen) kann es manchmal schwierig sein, alle Pferde im Auge zu behalten, um zu sehen, ob sie sich über die Dauer des Aufgabenteils verändern oder vielleicht Fehler machen. Aber ebenso auch wirklich alle Pferde bei einem Aufgabenteil (z.B. beim Verstärken im T1/T3) zusehen – am Besten mehrmals – um die Leistung fair zu benoten. Bei einer sehr ungleichmäßigen Vorstellung, also sehr vielen Fehlern bei einem Pferd, das an sich eine sehr gute Gangqualität zeigt, finde ich es manchmal recht stressig zur korrekten Note zu kommen. Das habe ich zuletzt bei der Richterprüfung in Island gemerkt. Aber dann muss man einfach konzentriert bleiben und die eigene Linie verfolgen – und die Richtlinien aus dem FF können 🙂 .

miia: Wenn man sich den Islandpferdesport genauer ansieht – mit allen Akteuren, die dazu gehören, von den Reitern bis hin zu den Sponsoren – welchen Stellenwert haben Richter und welche Bedeutung haben sie?

Ulrike: Nun ja, an sich muss man ja zwischen der Funktion und der Person des Richters bzw. der Richterin unterscheiden. Die Funktion selber ist naturgemäß eine sehr wichtige – denn schließlich und endlich dreht sich alles um die Noten die von den Richterinnen in der Bahn gegeben werden bzw. finden alle Klassifizierungen und Reihungen aufgrund dieser statt. Und mit dieser Funktion geht auch eine große Verantwortung – jeder einzelnen Reiterin gegenüber – einher, diese aufmerksam und fair, nach bestem Wissen und Gewissen zu richten. Dabei ist es egal, ob es sich um eine Reiterin der C-, B- oder A-Klasse handelt. Alle bezahlen viel Geld, um sich von uns – im wahrsten Sinn des Wortes – richten zu lassen.

Insgesamt aber ist für mich die Bedeutung der Richterinnen selbst nicht so groß – denn sie sind schlussendlich nur ein Teil des Ganzen. Für mich haben immer noch eindeutig die Reiterinnen und die Pferde die höchste Bedeutung. Ich glaube am Wichtigsten ist in Wirklichkeit die Richtleistung der jeweiligen Richterin und diese wiederum geht Hand in Hand mit der Person der Richterin. Und hier treten dann auch Einzelpersonen aus dem Richterkollektiv hervor, sei es positiv oder negativ.

Wenn jedoch die Beurteilung des ganzen Teams homogen ist, dann nimmt man – als Zuseherin, Reiterin, Veranstalterin etc – auch nur das Kollektiv wahr. Dies ist es meiner Meinung nach auch was von Allen angestrebt wird bzw. werden sollte.

miia: Hat dir in der Ausbildung jemand etwas mitgegeben, einen Satz oder einen Gedanken, der dich geprägt hat für deine zukünftige Arbeit als Richterin?

Ulrike: Ja, etwas das mir Valdimar Auðunsson mitgegeben hat: „Wir machen nicht die Regeln und wir interpretieren sie nicht – wir schauen nur, dass sie eingehalten werden, egal ob sie uns gefallen oder nicht!“

miia: Was sind deine höchstpersönlichen Grundsätze, denen du beim Richten treu bleiben willst?

Ulrike: Erstens immer positiv richten – aber natürlich im Rahmen der bestehenden Firewalls der Guidelines und zweitens fair und korrekt sein – auch unter Berücksichtigung des oben genannten Satzes 🙂 .

miia: Hast du ein Richter-Vorbild?

Ulrike: Valdimar Auðunsson ist schon ein Vorbild für mich, weil ich seine korrekte und direkte Art und sein fundiertes Wissen als Richter und Freund sehr schätze – und wir stets gut diskutieren können.

miia: Müssen sich die Reiter vor Richterin Fertsak fürchten?

Ulrike: Lach – das hoffe ich nicht, dass sich die Reiterinnen vor mir fürchten werden! Ich sehe das Richten als Feedback für die Reiterin und gebe dementsprechend auch gerne Auskunft, warum ich zu dieser oder jener Note gekommen bin. Und wie bereits erwähnt werde ich mich immer bemühen fair, korrekt und positiv zu richten!

miia: Herzlichen Dank, liebe Uli für dieses Interview und auch dir einen ganz herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Prüfung. Ich freu mich, dich schon bald beim Richten beobachten zu können! Bitte gib Bescheid, wenn du mal eine Richterschreiberin brauchst … da kann ich sicher eine ganze Menge lernen 🙂 !

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