In einer anderen Welt

Es war an einem Montag. Ich komme richtig gut gelaunt in die Arbeit, schnappe mir eine dicke Mappe mit wichtigen Unterlagen und mache mich auf den Weg ins Büro eines Kollegen zu einer wichtigen Besprechung. Er ersucht mich höflich, Platz zu nehmen, wir müssten ein paar Projektanträge durchbesprechen. Gähn, ja, aber sicher doch. Ich tue wie geheißen, lege meine Mappe auf den Tisch und möchte bereits mit dem ersten Antrag beginnen, da fragt er mich pflichtbewusst, wie denn mein Wochenende so war, seines sei eher bescheiden gewesen.

Sonntäglicher Ausritt mit meiner Náma

Ich antworte ihm fröhlich, meines sei großartig gewesen, schließlich war ich zum ersten Mal als Jugendreferentin bei der Generalversammlung des ÖIV und am Sonntag war der Tag noch besser, da war ich nämlich mit meiner Náma richtig lang ausreiten, auf einer Strecke, die ich noch nicht gekannt habe. Er schaut mich ehrlich konsterniert an und sagt mit einer Stimme, die einen gewissen Anflug an Ironie nicht zu verbergen vermag: „Achja, du bist ja in diesem Ponyclub“.

Es tritt eine kurze Stille ein im Raum.

Wer mich kennt, weiß, dass ich generell das Konzept der halbwegs gewaltfreien Kommunikation drauf habe. Also ich denke, ich kann das ganz gut, ohne mich selbst loben zu wollen natürlich. In diesem Moment allerdings habe ich den eigentlichen Grund unserer Besprechung etwas ad acta gelegt, quasi die Tagesordnung gewaltvoll ein bisschen verändert und ihn über den „Ponyclub“ und unsere geliebten Islandpferde aufgeklärt. Hab ihm von Island, von Vulkanen, von importierten Pferden, von Wuschelmähnen und Weltmeisterschaften erzählt. Projektanträge können nämlich ganz gut warten, finde ich.

Man fragt sich in solchen Momenten dann ja schon, wieviel die Menschen eigentlich mitkriegen von unserer Welt. Von Tölt, Pass, Ovalbahnen und Offenställen? Wie kann das sein, dass sich unser Leben nur darum zu drehen scheint und andere haben nicht einmal auch nur den Anflug einer Idee davon? Nun, auch das ist, würde ich sagen, eben das Leben. Für den einen ist Basketball wichtig, für den anderen das Fechten, für den dritten das Angeln. Alle kennen sich in ihrer Welt aus und in anderen Welten eben nicht.

Ich weiß nicht, wie ihr das so handhabt, aber ich betreibe ja überall Aufklärungsarbeit diesbezüglich. Einmal hab ich eine Kollegin sogar kurzerhand mitgenommen zum Reitstall. Sie ist mit mir zwischen Ovalbahn und Weiden herumspaziert und hat staunend gesagt: „Ah, so sieht deine Welt also aus!“

Letztens sitze ich im Reitstall auf der Terrasse. Die ersten Sonnenstrahlen scheinen mir auf die Nase, schon bald werden Sommersprossen zu sehen sein, denk ich. Es riecht nach Frühling überall, meine Pferde sind aber immer noch ganz fest eingepackt in ihr Fell. Ich spüre die Sonne, sehe das Licht und freue mich einfach, dass es meinen Pferden und mir so gut geht. Ich sitze also da und trinke einen Kaffee mit einer lieben Reitstallkollegin. Sie heißt Meli und hat sich bereit erklärt, mit mir das Projekt „Náma geht völlig gechillt mit einem zweiten Pferd ausreiten“ anzugehen und dementsprechende Ausritte mit mir auch konsequent auszuprobieren. Komme was da wolle. Antrag muss man für dieses Projekt übrigens keinen schreiben.

Wir sitzen so da, besprechen unser Projekt im Detail und beobachten unsere Pferde auf den Paddocks, wie sie zufrieden ihr Heu fressen. Ich seufze. Wie schön es doch wäre, hier ein Gästezimmer zu haben, mit Blick auf die Pferde. Wir schwärmen davon, was wir alles machen würden. Bloggen würde ich nur mehr hier auf der Terrasse. In der Sonne sitzend.

Ich murmle, dass das alles zu schön ist, um wahr zu sein. Dass das Leben mit den Islandpferden schon besonders ist. Anders. Kann das alles überhaupt real sein? Als wir zwei so auf der Terrasse sitzen, Meli und ich, schaut sie mich ernst an und sagt mit ganz klarer Stimme: “Katharina, wir sind am Ponyhof – wir sind abseits der Realität“.

Ich muss unwillkürlich lachen. Da ist wohl schon ein kleines Fünkchen Wahrheit drin.

Wir fragen uns, ob es überhaupt wichtig ist, dass viele andere darüber Bescheid wissen. Kann diese Wunderwelt nicht auch eine kleine versteckte Welt bleiben?

Stille kehrt ein, wir hören die Vögel zwitschern. Die Pferde schnauben. Und alles ist gut in unserer Welt.

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